Arzu Toker
- Verfassungsrechtler und Denker -
Der türkische Verfassungsrechtler und religionskritische
Denker Ilhan Arsel ist tot.
Der 89 jährige Prof. Dr. Ilhan Arsel
ist im Februar 2010,
so wie er es sich gewünscht hat, imSchlaf verstorben.
Ilhan Arsel studierte in Genf Jura. Er war einer der
Verfassungsrechtler, die die türkische Verfassung von 1960 schrieben. Das
daraus resultierende Recht, als Kontingentsenator im Parlament zu bleiben,
lehnte der Sokratesverehrer ab. Er sagte: “Meine Pflicht habe ich erfüllt,
warum sollte ich auf Kosten des Volkes leben?” und ging zurück an die
juristische Fakultät.
Ilhan Arsel
hatte ein starkes Gerechtigkeitsbewusstsein.
Neugierig, warum seine Studentinnen sich anders verhielten
als die Studenten, entdeckte er als Ursache der unterschiedlichen Entwicklung
der Geschlechter den Islam und schrieb bereits in den siebziger Jahren sein
bisher in 18 Auflagen erschienenes Werk “Die Scharia
und die Frauen” (erscheint demnächst im Alibri Verlag
unter “Frauen sind eure Äcker“ auf Deutsch) Ilhan Arsel schrieb im Vorwort: “Durch unsere ekelerregende
Selbstsucht haben wir Männer, ob gebildet oder ungebildet, nur um unseres
Wohlergehens willen die Frauen erniedrigenden Verse des Koran und viele Befehle
des “Propheten” und “Gottes” ernst genommen, an diese als Gottes Befehle
geglaubt.”
Als der oberste Staatsanwalt das Buch verbot und vom Markt
nahm, klagte er sowohl den obersten Staatsanwalt als auch die DIYANET an (Amt
für religiöse Angelegenheiten). Er warf der DIYANET vor, Frauen entwürdigende
Bücher zu veröffentlichen. Die von ihm vorgeführten Bücher gelten als die
sichersten Quellen für Fachleute der islamischen Welt.
Beide Klagen wurden unter den Tisch gekehrt.
Seine Kritik in „Die Scharia und
die Frauen“ wurde zudem von einem Parlamentarier als Grundlage für eine Anfrage
genommen, doch auch diese Anfrage verlief im Sande, nachdem DIYANET beschämend
banale Antworten geliefert hatte.
Arsels Kritik an DIYANET und die
Antworten wurden in der Türkei als Buch veröffentlicht.
Öffentlich bekannt wurden auch Morddrohungen. Nachdem
Islamkritiker wie Turan Dursun und andere ermordet
wurden, verließ Arsel das Land, dessen Verfassung er
einst gemeinsam mit einem Dutzend Kollegen geschrieben hatte.
Die scharfe Kritik Ilhan Arsels beschränkte sich nicht auf die Religion, mit Werken
wie „ Wir Professoren“ und „Intellektueller und Intellektueller“ bot er einer
breiten und nicht zuletzt machtvollen Gesellschaftsgruppe die Stirn. Und Arsel zog die Konsequenzen. Nachdem er mit seinem Werk „Wir
Professoren“ seinen eigenen Berufsstand der Kritik unterzogen hatte, quittierte
er den Dienst an der Universität.
Arsel: “Zweifellos gibt es
Ausnahmen, aber die meisten von uns sind sowohl unzureichende Personen als auch
unzulänglich gebildet. Unser Konservatismus und unsere einengende Sichtweise
bleiben außerhalb jeglicher Beschreibung. Wir sind weit davon entfernt,
zeitgenössische, moderne Studenten hervorzubringen. Wir sehen täglich, wie
Absolventen mit unzureichendem Geist und Wissen eine Plage für das Volk
werden…”
Ilhan Arsel
veröffentlichte über zwanzig Bücher. Meist ging es um Reiligionskritik,
nicht nur am Islam, auch Judentum und Christentum blieben nicht verschont. Ilhan Arsel wurde, da er
Mohammeds Stammesbewusstsein und seinen Arabismus kritisierte,
zu Unrecht als Nationalist eingestuft.
Auf die Anfrage, seine Biographie zu veröffentlichen,
antwortete er: “Wer mich kennen lernen möchte, greife zu Büchern. Meine
Gedanken sind in meinen Büchern nachzulesen.“
Mit Ilhan Arsel
verlor die Türkei eine ihrer wichtigsten Persönlichkeiten.